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Fritz/Friedrich/Fréderic Letz

From Commission Historique


Fritz/Friedrich/Fréderic Letz
First name Fritz/Friedrich/Fréderic
Last name Letz
Gender masculin
Birth 5 February 1919 (Saargemünd/Lothringen)
Death 27 October 2015 (Ingwiller)
These Untersuchungen über Heparin und Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit (Reichsuniversität Straβburg, 1943)
Examen 9 September 1943
Thesis supervisor Otto Bickenbach
Licence to practise medicine 1 March 1943
Profession Arzt

Spécialités Medizin


Fritz Letz war Arzt und wissenschaftlicher Assistent von Prof. Dr. Otto Bickenbach. Letz war 1943 und 1944 an den tödlichen Menschenversuchen mit dem chemischen Kampfstoff Phosgen beteiligt. Das Giftgas wurde an Häftlingen in der Gaskammer des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof erprobt, um die prophylaktische oder therapeutische Wirkung des Schering-Medikaments Urotropin (Wirkstoff Hexamethylentetraamin) gegen den Lungenkampfstoff zu untersuchen.

Lebenslauf und Ausbildung

Am 5.2.1919 wurde Fritz (Fréderic) August Letz in Saargemünd (Lothringen) als Sohn des Oberlehrers Karl Emilie Letz (1.12.1886-) von seiner Mutter Gertrud Erna Luisa Letz (geb. Schauer) war geboren. Seit 1932 besuchte er das Lycée Kléber in Strasbourg, wo er 1936 sein Abitur absolvierte.[1] Im November 1937 nahm er an der Université de Strasbourg sein Medizinstudium auf. Am 27.11.1938 zur französischen Armee eingezogen und leistete bei einer Sanitätseinheit seinen Wehrdienst. Letz wurde am 1.4.1940 zum Unterarzt (médecin auxilliaire) ernannt und in Bataillon überstellt, das nicht an den Kämpfen teilnahm. Während seiner Dienstzeit im französischen Heer war er 6 Wochen lang in einem Lazarett für Haut- und Geschlechtskrankheiten als Unterarzt tätig. Am 21.8.1940 erfolgte seine Entlassung aus der französischen Armee in der von den Deutschen unbesetzten Zone Frankreichs. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich und dem Waffenstillstand nahm Letz im September 1940 sein Medizinstudium an der Universität Freiburg im Breisgau wieder auf, das er nach drei Semestern ab November 1941 an der Reichsuniversität Straßburg fortsetzte. Er famulierte einen Monat an der Frauenklinik der Reichsuniversität Straßburg. Es folgte eine zweieinhalbmonatiger "Facheinsatz Ost" bei der Volksdeutschen Mittelstelle in Litzmannstadt im besetzten Polen und zweieinhalb Monate eine Tätigkeit an der Kinderklinik.

Während seines Studiums gehörte Letz in Freiburg der Kameradschaft F.L. Jahn und in Straßburg der Kameradschaft Karl Heckenschmitt des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes an. Am 1.1.1942 wurde Letz Mitglied des Opferringes Elsaß der NSDAP [2]. Anders als im Reichsgebiet, wo der Opferring zur Finanzierung der NSDAP auch durch Nicht-Mitglieder beitragen sollte. Im besetzten Elsass wurde 1940 der Opferring Elsaß geschaffen. Dieser erfüllte die Funktion einer Vorfeldorganisation der NSDAP und sollte die Parteimitgliedschaft anbahnen.[3].

Mit einer Dissertation zum Thema „Untersuchungen über Heparin und Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit“ wurde Letz 1943 an der Medizinischen Fakultät der Reichsuniversität Straßburg promoviert. [4] Die von Otto Bickenbach betreute Dissertation referierte im theoretischen Teil die Forschungsliteratur über den Wirkstoff Heparin, ein Polysaccharid, der therapeutisch zur Blutgerinnungshemmung (Antikogulation) als Medikament zur Behandlung von Thrombosen von Hofmann La Roche unter dem Markennamen Liquemin als Lösung vermarktet wurde. Der zweite empirische Teil seiner beruhte auf Humanversuchen, die Letz in der Medizinischen Klinik in Straßburg durchgeführt hatte. Den insgesamt 16 Versuchspersonen war Heparin intravenös injiziert worden, um die Blutsenkungsgeschwindigkeit bei erkrankten und einer Vergleichsgruppe von Gesunden über einen Zeitraum zu messen.[5] Nachdem Letz am 17.2.1943 das Staatsexamen bestanden hatte, war er an der Medizinischen Klinik III im Bürgerspital Straßburg als Pflichtassistent von Otto Bickenbach tätig.[6] Seine Beschäftigung begründete kein Beamtenverhältnis. Seine Dienstbezüge betrugen 200 Reichsmark monatlich.[7] In der Zeit vom 20.1.44 bis zum 1.6.44 erhielt einen Arbeitsurlaub ohne Wehrsold für seine Tätigkeit am Forschungsinstitut der Reichsuniversität Straßburg. [8].

Phosgen-Menschenversuche im Konzentrationslager Natzweiler-Struthof

Fritz Letz war zusammen mit Dr. Helmut Rühl, dem zweite Mitarbeiter von Otto Bickenbach, Lehrstuhlinhaber an Medizinischen Fakultät der Reichsuniversität Straßburg, an den Menschenversuchen mit dem Giftgas Phosgen in der Gaskammer des Konzentrationslagers Natzweiler beteiligt. Ziel der Untersuchungen mit Phosgen, einem bereits im Ersten Weltkrieg eingesetzten chemischen Kampfstoff, war es, den Wirkstoff Hexamethylentetraamin, der als Medikament von Schering unter dem Namen Urotropin gegen Blasenentzündungen vermarktet wurde, als mögliche Prophylaxe oder Therapeutikum gegen den Lungenkampfstoff Phosgen zu erproben. dazu führte Otto Bickenbach zunächst Tierversuche und anschließend Selbstversuche durch, bei denen ihm Letz und Rühl begleiteten.[9]. Während Rühl die Aufgabe hatte, mit einer Apparatur die Konzentrationsmessungen des Phosgengases in der Gaskammer versuchsbegleitend zu überwachen, oblag es Letz die Wirksamkeit unterschiedlicher Verabreichungsformen von Urotropin zu untersuchen [10]. Dazu wurde die Chemikalie den unfreiwilligen Versuchspersonen intravenös injiziert sowie oral und in wässrigen Lösungen verabreicht, um dann die Aufnahmegeschwindigkeit der Substanz im Körper zu messen. Wie Letz bei seinen Messungen registrierte, hing die im Blut-Serum nachgewiesene Aufnahme der Chemikalie nicht nur davon ab, ob die Tabletten nüchtern oder nach dem Essen eingenommen wurden. Auch die Zwangssituation der über die Versuche nicht aufgeklärten Kriegsgefangenen machte sich bezeichnender Weise als Einflussfaktor bemerkbar. So würden, wie Letz dem Generalbevollmächtigten des Führers für das Sanitäts- und Gesundheitswesen SS-Gruppenführer Karl Brandt Mitte August 1944 in einem ausführlichen Bericht darlegte, hierbei auch psychische Faktoren eine Rolle spielen. So sei "die Resorption verlangsamt bei einem ängstlichen russischen Kriegsgefangenen“ erfolgt, „der wegen mangelnder Verständigungsmöglichkeit nicht beruhigt werden konnte", wie Letz in einem Bericht festhielt.[11] Die Menschenversuche an Kriegsgefangenen verstießen gegen Kriegs- und Völkerrecht. Aufgrund seiner Messungen im Blut und Harn der Häftlinge kam Letz zu dem Schluss, "daß die Schutzwirkung gegen Phosgeneinatmung etwa 6 Minuten nach dem Verschlucken einsetzt und eine halbe bis eine Stunde nach der Aufnahme ihr Optimum erreicht hat.“ [12] In einem weiteren Bericht legte Letz dem Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen Karl Brandt die angewandten Messmethoden dar.[13] Nachdem die Messinstrumente erprobt und die Vorversuche zur Verabreichung von Urotropin ausreichend abgeklärt worden waren, fanden die Menschenversuche an Häftlingen zwischen dem 14.6.1944 und dem 9.8.1944 statt, bei denen mehrere Häftlinge schwere Lungenödeme erlitten und mindestens vier Häftlinge aufgrund der schweren Phosgenverletzungen unter tagelangen furchtbaren Schmerzen qualvoll erstickten.[14] Namentlich bekannt sind die Opfer Zirko Rebstock (37 Jahre) und Andreas Hodosey (32 Jahre), die am 16.6.1944 starben. Zwei Tage später starb Albert Eckstein (20 Jahre) und Josef Reinhard (38 Jahre) am 9.8.1944. Die Phosgen-Dosis der Versuchsreihen war schrittweise erhöht worden und überstieg bei den letzten Versuchen die bekannte tödliche Dosis. Ziel der Experimente war es, zu klären bis zu welcher Phosgen-Dosis Urotropin in der Lage war, Lungenödeme abzumildern und die Todesschwelle zu senken. Die vier Opfer waren alle deutsche Sinti, was für eine rassistische Auswahl der Versuchsopfer bei den gefährlichsten und lebensbedrohlichen Versuchen spricht, bei denen der Tod der Versuchsperson Teil des experimentellen Designs war. [15]

Inhaftierung und Verurteilung durch Französische Gerichte

Nach der Befreiung Strasbourgs wurde Letz verhaftet und als Kollaborateur vor Gericht gestellt. Die Commission de Strasbourg-Ville stellte am 26.11.1945 fest, dass Letz in der separatistischen Studentenorganisation "Argentinia" Mitglied gewesen war. Wegen seiner Tätigkeit als Assistenzarzt im Konzentrationslager Struthof-Natzweiler beschloss die Kommission eine genaue Untersuchung des Verhaltens von Letz und seinen Eltern während der deutschen Okkupation. [16]

Während des laufenden Ermittlungsverfahrend promovierte Letz erneut an der Medizinischen Fakultät der Université de Nancy. Der an der dortigen Medizinischen Klinik tätige Professor Drouet nah die Dissertation Letz an. Dazu überarbeitete er seine 1943 an der Reichsuniversität Straßburg verteidigten Doktorarbeit, in dem er zwischenzeitlich erschienene Literatur einarbeitete. Die Herkunft der aus den Humanversuchen an der Medizinischen Klinik in Straßburg stammenden Daten wurden in der Dissertation nicht offengelegt. Die Verteidigung fand am 21.12.1946 erfolgreich statt und Letz erhielt von der Université de Nancy hierfür den medizinischen Doktorgrad verliehen.[17] Nach Abschluss der Ermittlungen und einem Verfahren vor dem Cour de Justice in Strasbourg wurde Letz am 31.3.1947 zu einer fünfjährigen Haftstrafe und einer Aberkennung der Bürgerrechte (dégradation nationale) für zwanzig Jahre verurteilt.[18] Der Cour de Justice befand Letz für schuldig "d’avoir dans le ressort de la Cour de Justice de Bas-Rhin ou tous autres lieux, en cours des années 1940 à 1944, étant Français, en temps du guerre, entretenu sans autorisation du Gouvernement français, une correspondance ou des relations avec sujets ou les agents d’une puissance ennmie dans l’intention de favoriser des entreprises de toute natur de l’énnemi".[19]

Am 15.10.1953 wurde Letz auf Grundlage des letzten von drei Amnestiegesetzen der vierten Republik, dem Gesetz vom 6. August 1953, amnestiert.[18] Nach seiner Haftentlassung lebte Letz in Frankreich und praktizierte wieder als Arzt. Am 27.10.2015 starb er in Ingwiller.[20]

Florian Schmaltz

Biography

Landmarks

Locations

Nationalities

Confessions

  • Protestant

Publications

  • Letz, Fritz. Untersuchungen über Heparin und Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit. Diss. med.. Strassburg, 1943
  • Letz, Frédéric. Héparine et sédimentation globulaire. Thèse d'exercice. France, 1946

Relationships

Disciple of

1919-02-05T00:00:00Z
Private life
Birth
2015-10-27T00:00:00Z
Private life
Death
1943-03-01T00:00:00Z
Private life
Licence to practise medicine
1943-01-01T00:00:00Z
Private life
Thesis
1943-09-09T00:00:00Z
Private life
Examen
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References



  1. Diese und die folgenden Angaben nach: Handschriftlicher Lebenslauf Fritz Letz, 15.3.1943, ADBR, 1558 W 198-14343, fot. 71-72.
  2. Handschriftlicher Lebenslauf Fritz Letz, 15.3.1943, ADBR, 1558 W 198-14343, fot. 71-72
  3. Lothar Kettenacker: Nationalsozialistische Volkstumspolitik im Elsass. Stuttgart 1973, S. 207 ff.
  4. Fritz Letz: Untersuchungen über Heparin und Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit. Diss. med., Straßburg 1943.
  5. Ebd., S. 14-17. Heparin war 1943 ebenfalls Thema von zwei Dissertationen, die Hanns Dyckerhoff am Institut für Pharmakologie der Reichuniversität Straßburg betreut wurden: Hettich, Erwin: Über Darstellung und Eigenschaften hochgereinigter Prothrombinpräparate aus Neodym- und Heparinplasma. Diss. med., Straßburg 1943 und Otto Gruenewald: Über den Reaktionsmechanismus der Hemmung der Blutgerinnung durch einige seltene Erden und durch Heparin. Diss. med., Straßburg 1943. Zur Geschichte der Heparin-Forschung siehe: James A. Marcum: The Origin of the Dispute over the Discovery of Heparin. In: Journal of the History of Medicine and Allied Sciences 55/1 (1. Januar 2000), 37–66. doi:10.1093/jhmas/55.1.37
  6. Vgl. dazu den Lebenslauf in der Dissertation von Letz 1943 und Handschriftlicher Lebenslauf Fritz Letz, 15.3.1943, ADBR, 1558 W 198-14343, fot. 72
  7. Kurator an Dekan und Verwaltung, 24.3.1944, Gerelius (Rektor der RUS) an Kurator der RUS, 21.3.1943, ADBR, 1558 W 198-14343, fot. 46
  8. Dr. Barthelme (Verwaltung der klinischen Universitäts-Anstalten Straßburg, Bürgerspital) an Kurator der RUS, Betr.: Dienstbezüge des Dr. Fritz Letz, 19.4.1944, ADBR, 1558 W 198-14343, fot. 44-45
  9. Florian Schmaltz: Kampfstoff-Forschung im Nationalsozialismus. Zur Kooperation von Kaiser-Wilhelm-Instituten, Militär und Industrie. Göttingen: Wallstein 2005, S. 544.
  10. Florian Schmaltz: Kampfstoff-Forschung im Nationalsozialismus. Zur Kooperation von Kaiser-Wilhelm-Instituten, Militär und Industrie. Göttingen: Wallstein 2005, S. 546-546.
  11. Dr. Fritz Letz an Karl Brandt, 5. Bericht. Die Methode der Hexamethylentetraaminbestimmung in Blut und Harn, 11.8.1944, Bl. 11-13, in: Klaus Dörner, Angelika Ebbinghaus, Karsten Linne, Karl Heinz Roth, Paul Weindling, Johannes Eltzschig, Michael Walter, und Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts (Hrsg.): Der Nürnberger Ärzteprozeß 1946/47. Wortprotokolle, Anklage- und Verteidigungsmaterial, Quellen zum Umfeld. München: Saur 1999, im Folgenden Nürnberger Ärzteprozess Mikrofiche-Edition, Mikrofiche 3/02784.
  12. Ebd., Bl. 10a, Nürnberger Ärzteprozess Mikrofiche-Edition, 3/02785.
  13. Dr. Fritz Letz an Karl Brandt, 5. Bericht. Die Methode der Hexamethylentetraminbestimmung in Blut und Harn, 11.8.1944, Bl. 11-13, fol. 46-49, Nürnberger Ärzteprozess Mikrofiche-Edition, MF 3/02786-3/02789.
  14. Florian Schmaltz: Kampfstoff-Forschung im Nationalsozialismus. Zur Kooperation von Kaiser-Wilhelm-Instituten, Militär und Industrie. Göttingen: Wallstein 2005, S. 548-550.
  15. Florian Schmaltz: Kampfstoff-Forschung im Nationalsozialismus. Zur Kooperation von Kaiser-Wilhelm-Instituten, Militär und Industrie. Göttingen: Wallstein 2005, S. 551.
  16. Commission d’Enquete de Strasbourg-Villem Avis: Frederic Letz, 26.11.1945, signé Hoen, Silberzahn, Gerber, ADBR, 1558 W 198-14343, fot. 40.
  17. Frédéric Letz: Héparine et sédimentation globulaire. Thèse d’exercice Université de Nancy. Faculté de médecine 1946.
  18. 18,0 et 18,1 Cour de Justice Strasbourg (379/1): Avis d’amnestie (Fréderic Letz), 15.10.1953, ADBR 1243 W 402, fot. 4
  19. Cour de Justice (CJ Nr. 405/46): Arrêt contre Letz, Fréderic, 31.3.1947, ADBR 1243 W 402, fot. 9-11
  20. République Française. Marie d'Inwiller: Acte de d´cès N°141 de Frédéric Auguste Henri Letz, Ville d'Inwiller. Service d'État cilvil.